credo ut intelligam
Dem Philosophiebegriff bei Pythagoras, Platon und selbst bei Aristoteles, dem Begründer einer ‘wissenschaftlichen’ Philosophie, liegt folgendes zugrunde:
Neque enim quaero intelligere ut credam, sed credo ut intelligam
Denn ich suche nicht zu {erkennen, begreifen, verstehen}, damit ich glauben, sondern ich glaube, damit ich {erkennen, begreifen, verstehen} kann
Hier kommt das Dilemma einer Philosophie in Sicht, die weder Mythos noch Theologie kennt, und die dennoch, noch immer, das zu sein beansprucht, was Pythagoras-Platon-Aristoteles Philosophie genannt haben.
Für einen Menschen der westlichen Welt scheint es sehr schwer, die aus der christlichen Tradition stammenden Voraussetzungen völlig zu eliminieren, d.h. in keiner Weise durch die Zuordnung zu jenem, wenn auch verborgenen, theologischen Kontrapunkt geformt zu sein.
Diese Schwierigkeit ist besonders offenkundig im Falle Descartes’. Descartes fragt: warum muß eine klare und deutliche Erkenntnis notwendig wahr sein? Descartes antwortet: weil Gott wahrhaftig ist und mich unmöglich täuschen kann. Zweifellos ist diese Antwort ein Element jener gleichen Glaubenstradition, auf deren prinzipieller Auschließung die Philosophie Descartes’ angeblich beruht.
Oder wenn Immanuel [Gott mit uns] Kant in seiner Religionsphilosophie rund fünfundsiebzig Mal die Bibel zitiert, so scheint er kaum “innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft” geblieben zu sein. Natürlich wird niemand dies Werk deswegen als ‘christliche’ Philosophie bezeichnen wollen. Aber kann man es schlechthin ‘nicht-christlich’ nennen?
Es handelt sich hier um die berühmten Inkonsequenzen, die Jean Paul Sartre der ganzen Philosophie des 18. Jahrhunderts zum Vorwurf macht. “Der atheistische Existentialismus, den ich repräsentiere, ist konsequenter”, so sagt er. Dennoch, die Negation des christlichen Schöpfungsbegriffs spielt bei Sartre eine solche Rolle, daß ein vorchristlicher Nihilist vom Schlage des sophistischen Gorgias ihn niemals verstanden hätte. Man muß offenbar (im weitesten Sinne) Christ sein, um Sartre lesen zu können.
Zweifellos wird die ‘Säuberung’ der Philosophie von den letzten Resten einer Zuordnung zu einer theologischen Weltdeutung immer konsequenter voranschreiten. Und dieser Liquidation werden sicher nach und nach sämtliche Einsichten zum Opfer fallen, die auf Grund der Struktur credo ut intelligam zustande gekommen sind. Erst das letzte Resultat dieses Prozesses würde eine schlechthin ‘nicht-christliche Philosophie’ sein. Und von ihr zu sagen, sie werde zugleich eine ‘Nicht-Philosophie’ sein - dies scheint mir in der Tat keineswegs absurd.
Ohne den Glauben wird die Vernunft zur Unvernunft; ohne die Theologie wird die Philosophie zur Nicht-Philosophie oder zur Nachmetaphysik. Ein wirkliches Philosophieren ohne mythisch-theologischen Kontrapunkt ist nicht möglich.
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