James and Warrington

wissen und gewissen // recht und gerechte

Verleger Kurt Wolff schreibt:

“[...] Beide waren sie absolute Isolationisten, die sich bewußt der geistig-literarischen Welt ihrer Zeit fern hielten. Weder Kraus noch George konnte man sich etwa als Mitglieder einer Dichter-Akademie, de Pen-Clubs oder dergleichen vorstellen. Beide forderten von sich selbst das äußerste, waren Perfektionisten. Beide würden eines sinnentstellenden Druckfehlers wegen auf dem Einstampfen eines Buches bestanden haben. Beide waren absolut gefeit gegen finanzielle Lockungen, und empfanden die Verbindung Geist-Geld als unwürdig, ja schmutzig. Beide waren kompromißlos streng in ihren Forderungen lauterster Haltung derer, die sich ihnen anzuschließen wünschten. Beide waren im Rahmen ihrer weit getrennten Welten solch eindeutig ihren Umkreis überragende Persönlichkeiten, daß ihnen der Herrscheranspruch naturgegeben anstand. Und schließlich: Beide hatten immer recht, im Geistigen wie im Menschlichen - wohlverstanden: ich spreche nicht von ‘Rechthaberei’ ich meine ernstlich, daß sie in Haltung, Handlung, Urteil, recht hatten.

[Karl Kraus] war nicht der Richter, er war das Gewissen der Zeit, und er war ein Gerechter. Was immer der Psalmist mit dem Wort vom Gerechten gemeint hat, der viel leiden muß, man kann nicht umhin, an dies Psalm-Wort hier zu denken. Ein Gerechter sein ist Schicksal, man mag auch sagen Fluch. Der als Gerechter Geborene hat keine Wahl. Er muß die Wahrheit aussprechen, wie er sie erkennt, er muß geißeln, was ihm unrecht und ungerecht erscheint. Damit verletzt er notwendig Andere und wird durch diese Notwendigkeit ebensosehr selbst leiden wie Leiden verursachen. Die ‘Anderen’, Nicht-Gerechten, die ihm begegnen, ihn erkennen, neigen zunächst zu enthusiastischer Verehrung und Hingabe - aber die Wenigsten können auf die Dauer das Bewußtsein der eigenen Allzumenschlichkeit ertragen, die der Gerechte durch Sein und Werk in Permanenz zum Bewußtsein bringt.

Gibt es eine Verteidigung gegen die Überlegenheit des Gerechten?
Don Quichotische Gegenwehr ist ganz sinnlos - resignierende Entfernung ist möglich aber traurig.

Es gibt nur eine Defensive. Goethe hat sie erkannt und empfohlen mit den Worten: Gegen große Vorzüge eines anderen gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe”

Aber Wolff schreibt weiter:

“Mir scheint: nicht weil sie Karl Kraus dialektisch unterlegen waren - das waren sie selbstverständlich - vermochten [andere] nicht auf Kraus’ satirische oder polemische Glossen auf gleicher Ebene zu antworten. Antwort war schlechthin unmöglich, weil die Position von Kraus immer die Position des kompromißlosen Moralisten war, der ihnen keine Verteidigungslinie ließ.

[...] die Vorfälle brachten aber ein anderes Element in den Vordergrund, ein Element, das mich zeitlebens beschäftigt hat: hier war einer im Recht, hatte Recht, eindeutig und zweifelsfrei, und hier war ein Anderer, der eine Eselei begangen hatte und im Unrecht war. Man sollte wohl Stellung nehmen, man sollte natürlich auf der Seite dessen sein, der beleidigt worden und im Recht war. Aber ich hab die Recht-Habenden zwar immer bewundert und respektiert, aber eigentlich nie lieben können, hab es immer vorgezogen auf der Seite der Verlierer zu sein.”

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